°
°

„Tempel von Teotihuacán in Mexiko“
Quetzalcoatl
Aztekische Mythologie
Vor sehr langer Zeit erhob sich im Herzen des alten Mexikos eine prächtige Stadt namens Tula. Ihre Paläste waren mit Edelsteinen, bunten Federn und glänzendem Gold geschmückt. Die Gärten waren so fruchtbar, dass die Menschen erzählten, dort wachse Mais in allen Farben des Regenbogens.
Zu jener Zeit herrschte ein weiser König namens Quetzalcoatl. Die Menschen stellten ihn oft als riesige Schlange mit den Federn des Quetzal dar, eines Vogels mit leuchtend grün schimmerndem Gefieder. Doch Quetzalcoatl konnte auch die Gestalt eines Menschen annehmen. Sein Volk liebte ihn, weil er gerecht regierte. Im Gegensatz zu vielen anderen Herrschern wollte er weder Krieg noch Gewalt. Bei religiösen Zeremonien bat er darum, den Göttern Blumen, Weihrauch, Vögel oder Schmetterlinge darzubringen.
„Die Götter lieben Schönheit mehr als Grausamkeit“, sagte er oft.
Unter seiner Herrschaft erlebte Tula viele Jahre des Friedens. Die Handwerker stellten wunderschöne Gegenstände her. Die Bauern ernteten reichlich Mais. Die Kinder spielten auf den Strassen, ohne Angst vor Soldaten zu haben. Doch nicht alle freuten sich über diesen Frieden. In der Ferne lebte Tezcatlipoca, ein mächtiger, listiger und unberechenbarer Gott. Schon lange beobachtete er Quetzalcoatl.
„Dieser König wird zu sehr geliebt“, murmelte er eines Tages. „Ich werde seine Herrschaft beenden.“
Daraufhin nahm Tezcatlipoca die Gestalt eines Reisenden an. Er begab sich nach Tula und bat darum, den König zu treffen. Quetzalcoatl empfing ihn freundlich. Der Besucher schenkte ihm ein geheimnisvolles Getränk. Noch nie hatte der König etwas Ähnliches gekostet. Nach und nach verlor er seine Klarheit. Als er am nächsten Morgen wieder zu sich kam, wurde er von Scham erfüllt. Er hatte das Gefühl, die Werte verraten zu haben, für die er immer eingestanden war. Mit schwerem Herzen traf er eine schwierige Entscheidung.
„Ich bin nicht länger würdig zu herrschen“, erklärte er.
Trotz der Bitten seines Volkes verliess er Tula. Einige treue Begleiter begleiteten ihn. Gemeinsam wanderten sie lange nach Osten. Sie durchquerten Berge, Wälder und Täler. Überall, wo sie hinkamen, versammelten sich Menschen, um den Lehren des verbannten Königs zuzuhören.
Die Jahre vergingen. Schliesslich erreichte Quetzalcoatl die Küste des grossen Meeres. Lange betrachtete er die Wellen. Dann wandte er sich seinen Gefährten zu.
„Meine Reise endet hier“, sagte er leise, bevor er verschwand.
Im Augenblick seines Verschwindens erschien ein strahlendes Licht am Himmel. Dieses Licht wurde zum Morgenstern, der den Sonnenaufgang ankündigt. Seit jenem Tag erzählen die Völker des alten Mexikos, dass Quetzalcoatl noch immer aus den Höhen des Himmels über die Welt wacht. Und wenn der Morgenstern besonders hell leuchtet, stellen sich manche Menschen gerne vor, dass ihnen eine grosse gefiederte Schlange noch immer einen stillen Gruss sendet.
°
Zurück zur Auswahl der Geschichten

