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Bild „lesminis.fr“

Long

Chinesische Mythologie

Vor sehr langer Zeit lebte im Süden Chinas, in der Nähe eines grossen Flusses namens Xi, ein junges Mädchen namens Wen Shi. Ihre Familie war arm. Jeden Tag half sie ihren Eltern, indem sie fischen ging oder am Flussufer Wäsche wusch. Eines Morgens, als sie am Wasser entlangging, entdeckte sie einen seltsamen weissen Kieselstein, der in der Sonne glänzte. Der Stein war so schön, dass sie ihn mit nach Hause nahm. Doch einige Tage später geschah etwas Aussergewöhnliches.

Der Stein bekam einen Riss. Dann öffnete er sich. Und aus seinem Inneren kamen fünf kleine Schlangen hervor. Viele Menschen hätten Angst bekommen. Andere hätten die Tiere vertrieben. Doch Wen Shi tat weder das eine noch das andere. Sie nahm die kleinen Geschöpfe bei sich auf und gab ihnen die besten Nahrungsstücke, die sie finden konnte. Die Schlangen wuchsen heran. Sie folgten Wen Shi überallhin. Wenn sie fischen ging, schwammen sie um ihr Boot herum. Und weil sie ausgezeichnete Schwimmer waren, halfen sie ihr, viele Fische zu fangen. Dank ihnen hatte Wen Shis Familie nun immer genug zu essen.

Die Jahre vergingen. Die kleinen Schlangen wurden grösser. Und noch grösser. Bis sie sich eines Tages in prächtige Drachen verwandelten. Ihre Schuppen glänzten wie Perlen in der Sonne. Ihre langen Schnurrhaare tanzten im Wind. Und wenn sie sich in die Wolken erhoben, bedeckte ihr Schatten ganze Berge. Trotz ihrer grossen Kraft vergaßen sie nie die Frau, die sie aufgezogen hatte. Sie nannten Wen Shi weiterhin ihre Mutter.

Eines Sommers wurde die Region von einer schweren Dürre heimgesucht. Die Flüsse führten immer weniger Wasser. Die Ernten vertrockneten. Die Menschen fürchteten, bald nicht mehr genug Wasser zu haben. Da wandte sich Wen Shi an ihre fünf Drachenkinder.

„Wenn ihr könnt, helft unserem Dorf“, bat sie.

Sofort flogen die Drachen zu den Wolken hinauf. Die ganze Nacht durchzogen sie den Himmel. Dann erschienen am Horizont grosse dunkle Wolken. Es begann zu regnen. Zuerst fielen nur wenige Tropfen. Dann kam ein kräftiger Regen. Die Felder wurden wieder grün. Die Flüsse füllten sich erneut mit Wasser. Und die Menschen waren gerettet.

Aus Dankbarkeit gaben die Dorfbewohner Wen Shi einen neuen Namen. Sie nannten sie Longmu, was „Mutter der Drachen“ bedeutet. Der Ruhm von Longmu verbreitete sich im ganzen Reich. Sogar der Kaiser hörte von ihr. Er schickte ihr Geschenke aus Gold und Jade und bat sie, an seinen Hof zu kommen. Doch Longmu war inzwischen alt geworden. Ihre Drachen sorgten sich, dass eine so lange Reise sie erschöpfen könnte. Aus Respekt vor dem Kaiser stieg sie dennoch in ein Boot. Doch die Drachen versteckten sich unter dem Boot. Heimlich schoben sie es in die entgegengesetzte Richtung. Das Boot bewegte sich zwar vorwärts… aber es entfernte sich nie wirklich von seiner Heimatregion. Schliesslich verstanden die Gesandten des Kaisers, dass die Drachen ihre Mutter nicht fortgehen lassen wollten. Deshalb erlaubten sie ihr, zu Hause zu bleiben.

Longmu lebte noch viele Jahre am Flussufer. Dann kam der Tag, an dem sie diese Welt verliess.

Bis heute erinnern sich die Menschen in China an Longmu. Sie wird nicht gefeiert, weil sie reich oder mächtig war. Man erinnert sich an sie, weil sie fünf kleinen Geschöpfen ihre Liebe schenkte, vor denen alle anderen Angst hatten. Dank ihrer Güte wurden diese Geschöpfe zu Drachen, die die Menschen beschützen konnten.

Chinesische Erzählung „Longmu, die Mutter der Drachen“

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