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Moderne Illustration des Kampfes zwischen Indra und Vritra (Künstler unbekannt)
Vritra
Hinduistische Mythologie
Vor sehr langer Zeit, in einer Zeit, als die Götter noch mit den Menschen sprachen, lebte ein riesiger Drache namens Vritra. Sein Körper war so gewaltig, dass er einen ganzen Berg umschlingen konnte. Seine Schuppen waren dunkel wie Gewitterwolken, und seine Augen leuchteten in einem kalten, geheimnisvollen Licht.
Doch Vritra spuckte kein Feuer. Er zerstörte weder Dörfer noch Wälder. Seine Macht war viel furchteinflössender: Er hielt fest. Er hielt alles zurück, was eigentlich frei fliessen sollte.
Zu jener Zeit waren die Wasser der Welt gefangen. Die Flüsse flossen nicht mehr, die Wasserfälle waren verstummt, und die Quellen waren ausgetrocknet. Hinter hohen Bergen und tief in dunklen Höhlen hielt Vritra die Wasser eingeschlossen. Mit seinem gewaltigen Körper umschlang er sie und weigerte sich, sie freizulassen.
Nach und nach trocknete die Erde aus. Die Gräser wurden gelb, die Ernten verdorrten, und die Tiere mussten weite Wege zurücklegen, um ein paar Tropfen Wasser zu finden. Die Menschen blickten zum Himmel und fragten sich, wann der Regen zurückkehren würde.
Da versammelten sich die Weisen des Landes. Sie wussten, dass das Leben nicht weitergehen konnte, solange Vritra die Wasser gefangen hielt. Deshalb riefen sie Indra, den Gott des Gewitters und des Blitzes. Indra hörte ihren Ruf. Doch er wusste, dass dieser Kampf schwierig werden würde. Vritra war nicht nur ein mächtiger Drache. Er war das Hindernis selbst. Er war derjenige, der blockierte, was vorankommen sollte. Derjenige, der festhielt, was frei fliessen musste. Indra machte sich auf den Weg zu dem Berg, an dem Vritra die Wasser gefangen hielt.
Der Drache erwartete ihn.
Regungslos.
Gewaltig.
Still.
„Diese Wasser gehören mir“, grollte Vritra. „Sie werden niemals fliessen.“
Da begann der Kampf. Der Wind heulte. Die Wolken stiessen gegeneinander. Der Berg bebte unter den Schlägen der beiden Gegner. Vritra umklammerte die gefangenen Wasser immer fester. Doch Indra gab nicht auf. Sein Blitz durchzuckte den Himmel. Ein gewaltiger Blitz traf den Drachen. Der Berg hallte wider wie eine riesige Trommel. Vritra stiess einen furchtbaren Schrei aus. Dann brach seine Umklammerung. Im selben Augenblick wurden die Wasser befreit. Sie schossen aus den Höhlen hervor, stürzten die Berge hinunter, füllten die ausgetrockneten Flüsse und strömten über die Ebenen. Überall, wo sie vorbeikamen, kehrte das Leben zurück. Die Bäume wurden wieder grün. Die Felder begannen erneut zu blühen. Die Tiere fanden wieder Wasser zum Trinken. Die Menschen tanzten vor Freude. Und die Flüsse konnten endlich ihren Weg bis zum Meer fortsetzen.
Seit diesem Tag erzählen die Alten, dass der Kampf zwischen Indra und Vritra niemals wirklich endet. Denn irgendwo gibt es immer einen neuen Vritra: etwas, das zurückhält, was vorankommen sollte, etwas, das verhindert, dass das Leben seinen Weg gehen kann. Aber es gibt auch immer einen neuen Indra. Jemanden, der den Mut findet, das Befreite freizulassen und wieder in Bewegung zu bringen, was verloren schien.
Traditionelle Erzählung aus der vedischen Mythologie Indiens

