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Illustration Alan Lee
Chrysophylax Dives
Kinderbuch, England, 1949
Während des kalten und harten Winters, der auf einen angenehmen Sommer folgte, hatte sich ein Riese versehentlich auf die Ländereien des Bauern Gilles verirrt. Dort war er von den Schrotkugeln aus Gilles’ Donnerbüchse getroffen worden. Später erzählte der Riese von einem Land voller Schafe und Rinder, aber ohne Menschen – oder zumindest ohne Ritter, nur mit lästigen Stechfliegen. Diese Geschichte brachte einen hungrigen Drachen dazu, in das Mittlere Königreich einzufallen.
Eine Woche vor Weihnachten flog der Drache in die zentralen Lande und begann, alles zu verwüsten und in Brand zu setzen. Dabei frass er Schafe, Rinder und Pferde. Als er das Dorf Quercetum erreichte, nahm er zusätzlich zwei junge Menschen und den Dorfpfarrer auf seinen Speiseplan.
Als Bauer Gilles dem Drachen eines Tages zufällig auf dem Land begegnete, war der Pfarrer von Quercetum längst verdaut. Chrysophylax wollte deshalb den Bauern zu seiner nächsten Mahlzeit machen. Doch als er Gilles’ Schwert sah, verzichtete er auf den Angriff. Ermutigt schwang Gilles seine Klinge, um den Störenfried zu vertreiben. Die berühmte Waffe Caudimordax verletzte Chrysophylax dabei am Gelenk seines rechten Flügels. Durch diese Wunde konnte der Drache nicht mehr fliegen, und der Bauer verfolgte ihn bis ins Dorf Ham. Dort handelten die Bewohner mit dem Drachen einen Vertrag aus. Er versprach feierlich, mit seinem Schatz zurückzukehren, wenn man ihn am Leben liess.
Doch Chrysophylax war schlau und skrupellos. Er hielt sein Versprechen nicht. Stattdessen kehrte er einfach in seine Höhle zurück und blieb dort. Einen Monat später bemerkte er jedoch eine Gruppe von Rittern, die der König ausgesandt hatte, um seinen Schatz zu erobern. Chrysophylax stürzte sich auf sie und tötete oder vertrieb sie alle. Plötzlich stand er jedoch Bauer Gilles gegenüber, der nun eine Rüstung trug und Caudimordax in der Hand hielt.
Der Drache führte den Bauern daraufhin zu seiner Höhle und zeigte ihm einen gewaltigen Schatz. Gilles erlaubte ihm jedoch, einen Teil davon zu behalten, damit er weiterhin seinen Rang und sein Ansehen bewahren konnte. Anschliessend transportierte Chrysophylax den vereinbarten Teil seines Schatzes auf dem Rücken bis nach Ham.
Später kam König Augustus Bonifacius voller Zorn zur Brücke von Ham. Gilles trat ihm entgegen und verlangte die Königskrone. Bevor die Männer des Königs den Bauern festnehmen konnten, tauchte Chrysophylax unter der Brücke hervor, wo er sich versteckt hatte. Nachdem er viele Liter Wasser getrunken hatte, erzeugte er einen dichten Nebel. Aus diesem Nebel brüllte er den versammelten Rittern und Soldaten zu:
„Geht nach Hause, ihr Narren!“
Dann schlug der Drache seine Kralle in das Pferd des Königs. Der erschrockene Herrscher floh sofort und wurde bald von all seinen Männern verfolgt, die das Dorf hastig verliessen.
Chrysophylax blieb lange Zeit in Ham. Er wohnte in der Zehntscheune des Pfarrers und wurde von den zwölf stärksten Männern des Dorfes bewacht. Nach vielen Bitten schenkte Gilles dem Drachen schliesslich die Freiheit zurück. Einer der Gründe war, dass Chrysophylax sehr teuer zu ernähren war – Drachen wachsen nämlich unaufhörlich weiter, genau wie Bäume.
Die beiden schlossen einen Nichtangriffspakt, und mit der Zeit entwickelte Chrysophylax sogar eine gewisse Zuneigung zu Gilles – soweit ein Drache überhaupt zu so etwas fähig ist.
Als Chrysophylax in die Berge zurückkehrte, entdeckte er einen Eindringling: Einen jungen, ehrgeizigen Drachen, der seine Höhle besetzt hatte. Nach einem lauten und erbitterten Kampf verschlang Chrysophylax seinen Rivalen. Das linderte sein Gefühl der Demütigung ein wenig.
Anschliessend suchte er auch den Riesen auf, der ihm die falschen Informationen gegeben hatte und damit dieses ganze Abenteuer ausgelöst hatte. Chrysophylax machte ihm so heftige Vorwürfe, dass der arme Riese völlig niedergeschlagen war.
„Der Bauer Giles von Ham“ von J. R. R. Tolkien

