
Ischtar-Tor in Babylon
Mušḫuššu
Mesopotamische Mythologie
Vor sehr langer Zeit, als die grossen Städte Mesopotamiens die Ebenen zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat beherrschten, lebte ein Junge namens Bel-ili in Babylon. Jeden Tag half er seinem Vater, der Ziegel für Paläste und Tempel herstellte. Doch am liebsten betrachtete Bel-ili die gewaltigen Stadtmauern. Auf einigen Toren war ein seltsames Wesen zu sehen. Es hatte einen langen, mit Schuppen bedeckten Hals. Sein Kopf ähnelte dem einer Schlange. Die Vorderbeine waren die eines Löwen. Die Hinterbeine erinnerten an die eines Adlers. Und seine Augen schienen alle Menschen zu beobachten, die vorbeigingen.
Die Bewohner nannten es Mušḫuššu. „Es ist der Wächter des grossen Gottes Marduk“, erklärte Bel-ilis Vater oft. Der Junge träumte davon, ihm eines Tages zu begegnen.
In einer Sommernacht, als die Stadt schlief, wurde Bel-ili von einem seltsamen Grollen geweckt. Er öffnete sein Fenster. In der Nähe des grossen Stadttors leuchtete ein bläuliches Licht. Von Neugier getrieben schlich er hinaus. Als er die Stadtmauer erreichte, blieb er abrupt stehen. Eines der Wesen auf den Ziegeln hatte sich bewegt. Langsam stieg es von der Mauer herab.
Mušḫuššu war lebendig. Der Drache war riesig. Seine Schuppen glänzten wie Sterne. Seine Krallen klangen auf den Steinen. Doch in seinem Blick lag nichts Grausames.
„Warum beobachtest du mich schon so viele Jahre?“, fragte das Wesen.
Bel-ili erschrak. „Weil ich wissen möchte, warum dich alle so sehr respektieren.“
Der Drache dachte einen Moment nach. „Dann komm mit mir.“
Der Junge kletterte auf seinen Rücken. Sofort erhoben sie sich in die Nacht. Babylon wurde unter ihnen immer kleiner. Sie flogen über Tempel, Gärten und stille Märkte.
„Schau genau hin“, sagte Mušḫuššu. „Was siehst du?“
„Ich sehe meine Stadt“, antwortete Bel-ili.
„Ich sehe Familien, Häuser und Menschen, die schlafen.“
Der Drache nickte. „Genau das beschütze ich.“
Sie flogen weiter. In der Ferne entdeckte der Junge Karawanen, die durch die Wüste zogen. Noch weiter weg sah er Felder, die durch Kanäle bewässert wurden.
„Ich beschütze auch die Handelswege, die Ernten und den Frieden“, fuhr Mušḫuššu fort.
Bel-ili blickte den Drachen bewundernd an. „Aber du bist so mächtig! Warum kämpfst du nicht ständig gegen Monster?“
Mušḫuššu lachte leise. „Menschen glauben oft, dass Stärke dazu da ist, etwas zu zerstören. Wahre Stärke dient vor allem dazu, zu beschützen.“
Der Junge schwieg. Noch nie hatte er eine solche Lektion gehört.
Als die Morgendämmerung den Horizont zu färben begann, kehrte der Drache zu den Mauern Babylons zurück. Bevor er verschwand, wandte er seinen Kopf noch einmal zu Bel-ili.
„Ein Wächter ist nicht jemand, der nach Ruhm sucht. Ein Wächter ist jemand, der wacht, während die anderen schlafen.“
Dann verwandelte sich sein Körper langsam wieder in Stein und nahm seinen Platz am Stadttor ein. Die Sonne ging auf. Die Händler öffneten ihre Stände. Die Bewohner gingen ihren täglichen Aufgaben nach. Niemand schien das Abenteuer der Nacht bemerkt zu haben. Doch Bel-ili vergaß die Worte des Drachen niemals. Und jedes Mal, wenn er am grossen Tor von Babylon vorbeikam, blickte er zu Mušḫuššu hinauf. Dann glaubte er, im Glanz der blauen Ziegel einen freundlichen Blick zu erkennen, der die Stadt weiterhin beschützte.
„Mesopotamian Protective Spirits: The Ritual Texts“ von F. A. M. Wiggermann

